Crisi bei Prajwala
Irgendwie hat mich das Thema Menschenhandel und Zwangsprostitution schon lange interessiert; wahrscheinlich weil es ein so offensichtlich schlimmes, ausdauerndes Verbrechen gegen Unschuldige ist, – und weil man es andererseits auch bekämpfen kann. Prajwala habe ich vor Jahren über Sunitha Krishnan's TED Talk gefunden, bin mit Sunitha in Kontakt getreten, letztes Jahr auch Newsletter und Fundraising für sie gemacht, – einfach weil es die effektivste Organisation gegen das größte organisierte Verbrechen ist, die ich finden konnte.
Hier ist ein etwas "softeres" Video, wo Sunitha das Projekt erklärt:
Nun war ich im April in Indien. Es war eine große Ehre für mich, im Victim's Shelter wohnen zu dürfen und viele Stunden mit Sunitha persönlich zu verbringen. Und sie gab mir die Aufgabe, den "annual report" zu schreiben - ein dicker Brocken, aber so habe ich viel gelernt, weil ich es ja erst verstehen musste! So habe ich das Shelter und die aktuellen Bewohner kennengelernt und auch die Angestellten, von denen weit mehr als die Hälfte auch "survivors" sind.
Ein paar Mädchen aus dem Heim - Fotos durfte ich leider nicht machen.
ANUSHRI
Über Anushri weiß ich nicht viel. Sie saß beim Essen neben mir und lächelte, kann nicht viel Englisch. Sie ist 15 und hochschwanger, vielleicht im 7. oder 8. Monat. Sie ist erst seit ein paar Wochen bei Prajwala. Sie sollte über eine Bekannte der Eltern in eine gute "Hausmädchen-Arbeitsstelle" vermittelt werden - als sie dort ankam, war es ein Bordell. Fluchtversuche
RESHMA
Reshma ist 23. Sie kommt aus einer eher armen Familie, aber ging in die Schule. Sie ist mit ihrem Freund durchgebrannt, als sie 15 war; und der ist mit ihr nach Hyderabad gegangen. Dort hat er sie dann in ein Bordell verkauft, wo sie ein bis zwei Jahre gefangen war, bis sie von der Polizei und Prajwala befreit wurde.
Sie hat mittlerweile ihre Schule beendet und ist mittlerweile bei Prajwala angestellt, im "Community Awareness Program". Dort leistet sie Aufklärung, damit anderen Mädchen nicht das gleiche passiert wie ihr.
Sie hat mittlerweile ihre Schule beendet und ist mittlerweile bei Prajwala angestellt, im "Community Awareness Program". Dort leistet sie Aufklärung, damit anderen Mädchen nicht das gleiche passiert wie ihr.
NITHIYA
Nithiya kam im Astha Nivas Shelter an mit ungefähr 14, und alle fanden sie erstmal sehr seltsam. Sie wollte nicht aus ihrem Zimmer kommen (anfangs haben viele Mädchen kein Vertrauen und verstecken sich erstmal)
Aber sie war extrem und kam nicht einmal zum Mittagessen; höchstens abends für ein Weilchen. Nach ein paar Wochen fand man heraus, dass ihre Augen das normale Tageslicht nicht vertragen konnten – sie war von kleinauf in einem Zimmer gefangen, in dem es nicht so hell war.
SULA
Sula kommt aus Nepal und wurde schon ziemlich jung verkauft, mit etwa 4 oder 5.
Auf mich wirkte sie wie kleines Kind ... sie ist klein und kurzhaarig, etwas vernarbtes Gesicht, meist ziemlich wortlos, mit großen Augen und offenem Mund, und will meine Hand halten, sobald sie mich sieht. Sie wirkt ein bisschen zurückgeblieben. Tatsächlich ist sie schon mindestens 17 Jahre alt. Sie wurde schon so jung geschädigt, mit Alkohol und Drogen vollgepumpt; dass ihre Traumata und Gehirnverletzungen zu dauerhaften Schäden geführt haben.
JYOTHI
Jyothi ist 6 Jahre alt und furchtbar niedlich. Sie ist zusammen mit ca 200 anderen Kindern (von 5 - 15 Jahren) im Kinder-Gebäude untergebracht, geht dort in der internen Schule in die Vorschul-Klasse und lernt lesen. Es ist schwer, sich vorzustellen, dass so ein kleines Mädchen schon mißbraucht und verkauft wurde. Aber man merkt ihr nichts an, sie ist einfach ein anhängliches süßes kleines Mädchen.
Wie funktioniert Menschenhandel?
Insbesondere in Indien werden meistens Kinder aus ärmeren Schichten durch Betrug verkauft. Entweder Angehörige verkaufen sie wissentlich, oder ihnen wird erzählt, die Tochter bekäme eine gute Anstellung in der Stadt als Hausmädchen. Oder die Tochter wird an eine vermeintlich gute Partie verheiratet - bloß schickt der neue "Ehemann" sie dann ins Bordell, um Geld mit ihr zu verdienen. Oder ein Kind hat keine Eltern mehr, oder wird geschlagen / mißbraucht, läuft davon und gerät dann an die falschen Leute; "Vermittler", die an Bahnhöfen und Busstationen auf ihre Beute warten. Oft haben die Mädchen keine Möglichkeit, sich zu wehren; werden eingeschüchtert, eingesperrt, erpresst mit Videos, die sie "entehren" würden. Oft sind die Opfer auch noch so jung, kleine Kinder von 5 oder 10 Jahren, dass sie kaum eine Chance haben, sich selbst zu befreien. Meistens bekommen sie Alkohol und / oder Drogen eingeflößt, damit sie benebelt alles ertragen, ohne sich zu wehren, und damit sie in die Abhängigkeit geraten.
Als erstes habe ich begriffen, wie groß Prajwala ist und welche Teile es gibt:
Als erstes habe ich begriffen, wie groß Prajwala ist und welche Teile es gibt:
1) Victim's Shelter
70 km außerhalb von Hyderabad auf dem Land gibt es das Victims' shelter, oder "Rehabilitation Center"; da sind in mehreren Gebäuden ca 400 - 500 Opfer oder "Survivors" untergebracht; die Hälfte sind Frauen ab 16, die Hälfte Kinder. Die Kleinsten waren erst 5, 6 Jahre alt. Es gibt auch eine Grundschule, Spielplatz, "LifeSkills-Training", wo die Mädchen nähen und Handarbeiten lernen; eine Krankenstation, Gäste- und Angestelltenhäuser, sogar kleines Ampitheater mit Kinoleinwand.
Das Center gibt es seit ca 4 Jahren, finanziert durch Spenden - insbesondere hat Google Inc nach Sunitha's TED Talk 2009 eine Million US$ gespendet. Ein anderes Gebäude ist von John Grisham und seiner Frau gestiftet; ein anderes von einer indischen Bank.
Das Essen (Gemüse) wird selber angebaut und zubereitet.Rundrum ist eine Mauer mit Elektrozaun, denn es gibt viel Bedrohung und Übergriffe durch die Trafficking-Mafia.
2) Work Unit
Am Stadtrand ist eine große Halle: Die Mädchen, die schon zu alt für einen Bildungsweg sind oder das nicht wollen, führen dort Schweiß- und Löt-Arbeiten durch, bauen Möbel, machen Buchbinderei, denn die Mädchen brauchen ja eine Arbeit, um nicht wieder in die Prostitution zurück zu müssen; und das ist eine der Optionen.
Dieses "Economic Rehabilitation Program" funktioniert wie eine kleine Firma, die externe Aufträge annimmt und von den Einnahmen die Angestellten bezahlt.
3) Head Office:
In der Mitte von Hyderabad ist das Büro, wo alles verwaltet wird, Meetings stattfinden, Sunitha und die organisierenden Mitarbeiter arbeiten.
Leider ist das Büro so zentral (am Charminar, einem alten Gebäude) und ungesichert in einem normalen Haus, so dass es auch regelmäßig von "angry mobs" gestürmt wird. Ich weiß nicht, was das für Leute sind; Traffickers und Leute, die scheiße finden, dass sich jemand mit Prostituierten beschäftigt. Aber es gibt auf jeden Fall so massive Bedrohungen, dass viele Angestellte Angst haben und kündigen. Letztes Jahr 21.
4) Die Baustelle
Letztes Jahr hat der Vermieter der Work Unit angekündigt, Prajwala rauszuschmeißen. Unter anderem wird er bedroht, und das ist ihm zuviel.
Neue Mietfläche zu finden ist auch nicht einfach, weil für die Leute dort das Ganze anrüchig ist: es geht ja um Ex-Prostituierte; und die sind "beschmutzt".
Deswegen war für Sunitha die einzige Option, neues Land zu kaufen und mit der Work Unit sowie der
Ü
Jetzt bin ich in Hyderabad, und sehr fasziniert von der Organisation von Prajwala und besonders von Sunitha selbst.
Ich bin ca 70 km südlich von Hyderabad im Rehabilitation Center untergebracht. Hatte gar nicht damit gerechnet, dass es so groß und gut ausgebaut ist. Da wohnen über 250 Kinder und 200 erwachsene Frauen, zusätzlich noch die Angestellten.
Es ist das größte Center für Opfer von Human Trafficking auf der Welt.
Ich habe dort ein Gästezimmer für mich. Gestern hab ich die Kinder-Sektion kennengelernt, die ware sehr begeistert. Es gibt sonst fast nie Volunteers dort, weil Sunitha eigentlich nur Langzeit-Freiwillige nimmt; aber ich bin nun schon eine Weile mit ihr in Verbindung.
Ich habe dort ein Gästezimmer für mich. Gestern hab ich die Kinder-Sektion kennengelernt, die ware sehr begeistert. Es gibt sonst fast nie Volunteers dort, weil Sunitha eigentlich nur Langzeit-Freiwillige nimmt; aber ich bin nun schon eine Weile mit ihr in Verbindung.
Wenn ihr Sunitha mal in Action sehen wollt, dann ist der TED talk gut:
https://blog.misereor.de/2016/03/08/ein-zum-himmel-schreiendes-unrecht-an-indischen-frauen/
Ich bin jetzt erstmal eine Woche da, komme täglich nach Hyderabad ins Head Office und versuche, den Annual Report zu machen, aus einem Haufen einzelner Monatsberichte von den unterschiedlichsten Abteilungen, oft unverständliche, unvollständige Powerpoints, aber auch 10 Ordner voller Dokumente.
Erst dachte ich, den Jahres-Report schreiben würde langweilig, aber im Gegenteil: es ist richtig motivierend und interessant. Prajwala's Arbeit hat so (!) viele verschiedene Aspekte, und sie sind eigentlich richtig gut organisiert. Ich fühle mich geehrt, mit Sunitha persönlich zusammenzuarbeiten; sie ist wirklich ein unvergleichliches mutiges kleines Energiebündel.
In dem Shelter ist es auch schön; man könnte ja denken, dass dort eine schreckliche Stimmung wäre wegen all der Opfer schrecklicher Taten; aber überhaupt nicht. Es ist ein schöner Ort, und die Mädchen sind alle dabei, zu heilen; es wird viel gelacht. Besonders mag ich die kleine fünfjährige süße Nadja, die mir ein Bild gemalt hat und immer zwischen verschmitzt und schüchtern schwankt. Sie ist erst seit 2 Monaten da.
Und die 15jährige Roja, die im 6. Monat schwanger ist, auch erst seit ein paar Monaten da.
Und Reshma, die vielleicht 17 oder 20 ist und schon seit ein paar Jahren bei Prajwala; sie arbeitet im Community-Prevention-Programm und erzählt da ihre Geschichte manchmal vor hundert bis tausend fremden Leuten. Mutig. Diese Woche hat sie Examen, jeden Tag eins. Morgen ist Englisch dran; heute abend werden wir zusammen üben. Englisch ist bei den wenigsten auf Konversationslevel.
Und Sima, die vor 3 Jahren oder so aus dem Bordell befreit wurde und dann selber unbedingt ins Rescue-Team wollte. Sie war bei vielen Rescue-Aktionen ganz vornedran -- die gehen da mit der Polizei zusammen in solche Trafficker-Ringe und Bordelle rein. Sie hat Einsätze in Kalkutta, Mumbai und in noch einigen anderen Städten geleitet, bevor Sunitha fand, dass sie sich zu sehr selbst in Gefahr bringt und sie zurückgeholt hat; zumindestens für eine Weile. Jetzt ist sie als Security Guard in einem Mädchen-College.


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